„...in das tötende Licht einer fremden Welt gewandert“ Geschichte und Religion der Yezidi
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Geschichte und Religion der Yezidi *
Prof. Dr. Gernot Wießner
Das kleine Volk der Yezidi zählt nur rund 100.000 Menschen. Seine Heimat ist der Vordere
Orient, wo es von seinen Nachbarn, Angehörigen verschiedener muslimischer und christlicher
Konfessionen, durch eine eigene sehr archaische Religion scharf getrennt ist. Es wird allge-
mein zur großen nordwestiranischen Volksgruppe der Kurden gerechnet. Dies trifft für den
größten Teil des Volkes auch zu. Viele Yezidi ähneln in ihrem Erscheinungsbild jedoch dem
der Angehörigen arabischer Stämme in der syrischen Wüste sowie in der Halbwüste, dem der
arabischen Landbevölkerung des nördlichen Irak oder dem der Armenier. Von einer durch-
gängigen Zugehörigkeit der Yezidi zu den Kurden kann daher nicht die Rede sein. Aus die-
sem Grund wurde in der europäischen Forschung des öfteren versucht, in den Yezidi Nach-
fahren verschiedener Altvölker des westiranischen und armenischen Hochlandes wiederzufin-
den, die aus der Geschichte verschwunden sind. Derartige Vermutungen konnten bisher je-
doch nicht bewiesen werden. Wir werden in den Yezidi zuerst eine geschichtlich gewachsene
Religionsgemeinschaft erkennen müssen. In ihr verbanden sich Angehörige verschiedener
Völker, vorherrschend allerdings Kurden, und bewahrten in ihrer äußeren Erscheinung
Merkmale ihrer Herkunft. Das gemeinsame Bekenntnis war die Wurzel der Yezidi, die sich
gegen andere Völker und deren Religionen abgrenzten.
Sprache der Yezidi ist vorwiegend das Kurdische. Es ist in verschiedenen Dialekten verbreitet
und zwar jeweils in derjenigen Form – mit leichten Abwandlungen – die auch bei den kurdi-
schen Nachbarn als Umgangssprache vorherrscht. Daneben hat das Arabische in dialektaler
Ausprägung einige Bedeutung; höher gestellte Angehörige der Yezidi beherrschen es; es dient
auch als Liturgiesprache in einigen Riten des yezidischen Glaubens. Die Mehrheit der Yezidi
bezeichnet sich aufgrund der gemeinsamen Sprache als Kurden. Nach den Kurdenverfolgun-
gen im Irak 1975 treten jedoch auch Bestrebungen auf, die Verbindung mit Arabern stärker zu
betonen.
Das Verbreitungsgebiet der Yezidi umfaßt den Vorderen Orient von Transkaukasien bis zur
syrischen Wüste. Als Zentrum gilt ein Gebirgsland nordöstlich von Mossul, der sogenannte
Scheichan-Bezirk zwischen den Flüssen Tigris und Großer Zab. Dort befindet sich der religi-
öse Mittelpunkt, das Grabmal des wichtigsten Heiligen, Scheich Adi ben Musafiz (gestorben
um 1160), aus diesem Bezirk stammt das weltliche und religiöse Oberhaupt des Volkes, des-
sen Stammsitz bis vor kurzer Zeit das dort gelegene Dorf Baadri war. Yezidi besiedelten auch
den irakischen Teil des Dschebel Sindschar, eines Gebirgszu- [32] ges südöstlich von Mossul.
In Syrien finden sich Yezidi in den Gebieten am Chabur-Fluß und um Aleppo. In der Türkei
konzentrieren sich Yezidi-Siedlungen in der Gegend von Antakya, in der Provinz Urfa, im
mittleren Bereich der Provinz Mardin, und zwar in den Landkreisen Midyat, Idil und Nusay-
bin, in der Provinz Siirt in der Umgebung von Batman, um Birecik, vereinzelt begegnen uns
Siedlungen auch im östlichen Teil der Provinz Van und in der Provinz Hakkâri. Im Iran kon-
zentrierten sich Yezidi-Siedlungen in der Gegend des Urmia-Sees. Weiter nach Norden be-
gegnen uns nur noch selten Yezidi-Dörfer. In größerer Anzahl wohnen Yezidi nur noch in
* Dieser Beitrag erschien erstmals in: Schneider, Robin (Hrsg.): Die kurdischen Yezidi: ein Volk auf dem Weg in
den Untergang, Göttingen 1984, S. 31 – 46. Die Zahlen in den eckigen Klammern geben die Seitenzahlen der
jeweils folgenden Textseite des Originals wider. Die ursprüngliche Orthographie wurde beibehalten; kleinere www.yeziden-colloquium.de
Transkaukasien, in Armenien und Georgien. Dorthin kamen sie jedoch erst seit der ersten
Hälfte des vergangenen Jahrhunderts als Flüchtlinge vor der Unterdrückung durch muslimi-
sche Kurden, durch Statthalter des iranischen Schahs oder der osmanischen Sultane.
In diesem großen Gebiet sind aber nur wenige zusammenhängende Landstriche mehrheitlich
von Yezidi bewohnt. Etwa der Scheichan-Bezirk oder Ettōr, das Gebirgsland der mittleren
Mardin-Dağlari, das steil zur Ebene von Nusaybin, dem heutigen Grenzort zwischen der Tür-
kei und Syrien, abfällt. Die Mehrheit der Yezidi wohnt in kleinen Streusiedlungen, umgeben
von ihren muslimischen Nachbarn. In jüngster Zeit wurden sie außerdem aus mehreren größe-
ren Gebieten mit ehemals dichterer Konzentration ihrer Siedlungen vertrieben, zum Beispiel
dem irakischen Dschebel Sindschar, den die Yezidi im Zusammenhang mit der kurdischen
Aufstandsbewegung gegen den arabisch dominierten Irak unter Zwang verlassen mussten. Im
ganzen Irak und in der Osttürkei verlassen Yezidi ihre Dörfer. Im Irak ziehen Yezidi wie die
Angehörigen anderer kleiner religiöser Gruppen, wie die Mandäer, vom Land in die Städte;
Yezidi aus der Osttürkei suchen als Flüchtlinge eine neue Heimat in Europa.
In ihren angestammten Siedlungsgebieten sind die Yezidi vor allem Ackerbauern und Klein-
viehzüchter. Bis zum vergangenen Jahrhundert waren sie bekannt und berühmt für ihre ge-
pflegten Maulbeerpflanzungen und ihre Seidenmanufaktur. Nomadisierende Yezidi-Gruppen
gab es wohl wegen der dort nur eingeschränkt möglichen Bodennutzung für den Ackerbau
ausschließlich im nördlichen Verbreitungsgebiet und in Transkaukasien. Viele Yezidi-
Stämme galten im Vorderen Orient als Räuber und Wegelagerer. Diese Einschätzung über-
nahmen auch viele europäische Reisende, zum Beispiel der deutsche Orientalist Eduard Sa-
chau. Er bereiste 1882 den Vorderen Orient und weiß anschaulich von seiner Furcht vor einer
Begegnung mit räuberischen Yezidi zu berichten, als er das Gebiet der Stämme Dâseka, Kal-
lίka, Mahôka und c Afše im südlichen Ettōr in der heutigen Provinz Mardin durchritt. 1) An der
Existenz räuberischer Yezidi kann nicht gezweifelt werden – es ist die Reaktion eines verach-
teten Volkes auf Unterdrückung und aufgezwungene Armut. Zurückzuweisen ist jedoch die
von muslimischen und christlichen Nachbarn der Yezidi verbreitete Meinung, daß Mord und
Räuberei zum Gottesdienst dieses Volkes gehörten. Auch wenn nur sehr wenig über die Reli-
gion der Yezidi bekannt ist, gibt es für derartige Verdächtigungen keine Anhaltspunkte. Kein
Zweifel besteht an der oft bezeugten Einschätzung, daß die [33]
Symbolzeichen am Tempel von Scheich Adi.
Quelle: G.P. Badger: The Nestorians and their Rituals, Bd. I. London 1852, S. 106 www.yeziden-colloquium.de
Schlangenrelief am Tempel von Scheich Adi.
Quelle: G.P. Badger, a.a.O., S. 10
[34] Yezidi sich in manchen Eigenschaften, wie Mut, Treue, Unbestechlichkeit, von vielen
Angehörigen der ihnen benachbarten Religionen unterscheiden. Von diesen Charakterzügen
erzählt bereits der britische Archäologe Austen Henry Layard, der Entdecker von Ninive, der
Hauptstadt Assyriens. Layard besuchte auf Einladung des Oberhauptes der Yezidi den Schei-
chan-Bezirk und konnte die wesentlichen kultischen Zeremonien am Grabe Scheich Adis be-
obachten. 2) Seine Berichte wurden die Quelle für das positive Yezidi-Bild, das Karl May von
den „Teufelsanbetern“ in seinem „Durchs wilde Kurdistan“ liefert.
Die Yezidi gliedern sich in die erblichen Gruppen der Laien (murīd) und der Priester. Die
Priester sind in verschiedene, in ihrem Rang und in ihrer Würde gegeneinander abgegrenzte
erbliche „Kasten“ gespalten. Den Angehörigen der oberen Priesterränge sind Gruppen von
Laien als Klientel zugeordnet. Die Laien sind jeweils Angehörige verschiedener Stämme, die
aus mehreren Sippen bestehen. An der Spitze steht als oberste religiöse und weltliche Autori-
tät der Emir genannte Herrscher des Scheichan-Bezirks. Sein Amt ist in der Familie erblich;
idealerweise soll es sich jeweils vom Vater auf den ältesten Sohn vererben. Rivalitäten unter
den Familienangehörigen und gewaltsame Ausrottung von ganzen Zweigen der Familie durch
Kurden und osmanische Statthalter unterbrachen jedoch oft die Generationenfolge. Nur weni-
ge Yezidi-Emire starben einen natürlichen Tod. In der Gegenwart stehen die Yezidi unter der
Herrschaft des in Bagdad residierenden Emirs Mŭءāwija. Er trägt den alten Titel der muslimi-
schen Kalifen „Emir aller Gläubigen“. Der Emir genießt unbedingte Autorität, für das Volk
umgibt ihn eine Aura besonderer Würde und Heiligkeit. Verschiedene Tabu-Vorschriften
grenzen ihn aus der Menge der Yezidi aus. Als oberster Geistlicher gilt der Scheich Nasir
oder „Baba Scheich“, der heute ebenfalls in Bagdad wohnt. Wie der Emir kehrt er nur noch zu
den großen Feierlichkeiten am Grabe Scheich Adis in den Scheichan-Bezirk zurück – wenn
die politische Lage dies gestattet. Den nächsten Rang unterhalb des Emirs und des Scheich
Nasir nimmt die Priestergruppe der Scheichs ein. Sie zerfällt in mehrere Klassen, die ihren
Stammbaum jeweils auf verschiedene Ahnherren zurückführen und ganz nach Rang und
Würde der Ahnen eigenen Rang und eigene Würde beanspruchen und auch erhalten. Die
höchste Stellung nimmt die Scheich-Familie ein, deren Stammvater „Scheich Shems“ (die
Sonne oder der Engel der Sonne) sein soll. Unterhalb der Scheichs stehen in der Rangfolge
die Pir-Familien, ebenfalls aufgrund unterschiedlicher Stammbäume stark gegeneinander ab-
gegrenzt. Nur im Scheichan-Bezirk gibt es außerdem die Priestergruppe der Qawwals; sie
sind mit bestimmten Funktionen für den Emir und für die Versorgung des Heiligtums von www.yeziden-colloquium.de
Scheich Adi betraut. Schließlich bestehen zwei religiöse Bruderschaften, deren Angehörige
auch Aufgaben im Kult wahrzunehmen haben. Nur im Scheichan-Bezirk gibt es die Kot-
schaks, im gesamten Siedlungsgebiet der Yezidi verbreitet sind die Fakire, die muslimischen
Derwischen vergleichbar sind. Die Mitgliedschaft in diesen Bruderschaften rekrutiert sich aus
den Laien, sie ist nicht erblich. Die Gruppen der Laien und der Priester sind streng endogam,
das heißt, nur Angehörige der einzelnen Klassen dürfen unterein- [35]
Die Burg des Emirs der Yezidi in Sindjar – heute zerstört.
Quelle: P. Schütz: Zwischen Nil und Kaukasus. München 1930, S. 192
ander heiraten. Die Endogamie herrscht aber auch in verschiedenen Priesterrängen, vor allem
bei einigen Scheich-Familien, denen die eheliche Verbindung mit Angehörigen anderer
Scheich-Familien verboten ist. Verstoß gegen die Heiratsregeln hat den Ausschluß aus der
Gemeinschaft zur Folge. Ehen mit Fremdgläubigen, mit Muslimen oder Christen, kommen
nicht vor.
Die Yezidi-Frauen gehören zu den Gruppen ihrer Familien beziehungsweise ihrer Ehemänner.
Die Frauen der Scheich-Familien nehmen an Rang und Würde des Priestertums teil und kön-
nen sich auch an religiösen Zeremonien in einer Art beteiligen, die den Laien nicht gestattet
ist. Bei den Yezidi scheint sich die Stellung der Frauen außerdem deutlich von der der musli-
mischen Frauen zu unterscheiden. Sie tragen keinen Schleier und kennen auch nicht das heute
bei den Musliminnen wieder häufiger getragene weite, den ganzen Körper umhüllende Ge-
wand. Nach Meinung vieler Araber, Türken und Perser zeichnen sie sich durch ihre besondere
Schönheit aus. Daher waren sie in den türkischen und persischen Harems, aber auch in den
Frauengemächern der Kurden sehr begehrt. Aus ihrer Familie geraubt und zwangsweise in
den Harem gesperrt, wurde die Yezidi-Frau auch Thema der Literatur. Zum Beispiel in dem
1823 erschienenen Schelmenroman James Morriers, „Die Abenteuer des Hadji Baba“ 3) , in
dem die Zustände in Iran eindrucksvoll geschildert werden. Fast alle Yezidi-Familien wissen
vom Frauenraub durch Kurden, Türken und Perser zu berichten.
Die Geschichte dieses kleinen Volkes verliert sich im Dunkel einer Vergangenheit scheinbar
geschichtslosen Daseins, in vermeintlicher Gleichförmig- [36] keit archaischen Lebens. Yezi-
di haben ihre Vergangenheit vergessen. Sie beginnen, ihre nachvollziehbare Geschichte mit www.yeziden-colloquium.de
dem Erscheinen des Sufi-Scheichs Adi ben Musafiz, einer historischen Gestalt. Er lebte im
XII. Jahrhundert mit einer zahlreichen Jüngerschar im Scheichan-Bezirk und soll von seinen
Schülern als irdische Erscheinung Gottes verehrt worden sein. Der Scheich verkündete einen
pantheistisch gefärbten Gottesglauben wie viele Sufis in der muslimischen Religionsgeschich-
te; dies konnte, wie schon bei dem ersten großen Mystiker des Islam, al-Halladsch im VIII.
Jahrhundert, zu der irrigen Annahme führen, der Prediger identifiziere sich selbst mit Gott.
Scheich Adi soll die Religion der Yezidi erneuert haben und wird daher von ihnen als größter
ihrer Heiligen verehrt. Erinnerung daran, daß Scheich Adi die Religion reformierte, bedeutet
aber, daß der yezidische Glaube schon vor dessen Auftreten bestand.
In der modernen europäischen Forschung wird die Meinung vertreten, daß die Entstehung des
yezidischen Glaubens im Zusammenhang mit der umajjadischen Reaktion gegen die Herr-
schaft der Abbasiden in Bagdad gesehen werden müsse. Die Abbasiden hatten 750 nach
Christus die Umajjaden als Kalifen abgelöst. Die Yezidi sollen aus antiabbasidischen, zum
Teil von Sufis getragenen religiös-politischen Bewegungen hervorgegangen sein und hätten
sich dann, in Rückzugsgebiete abgedrängt, ohne andauernden Zusammenhang mit den Kern-
gebieten des Islam und mit der Entwicklung der muslimischen Theologie und des orthodoxen
Sufitums unter verschiedenen Einflüssen zu einer selbständigen Religionsgemeinschaft ent-
wickelt. Charakterzüge der yezidischen Gemeinschaft, ihre antistaatliche Absonderung und
ihre Bekämpfung durch die muslimische Staatsautorität sowie Eigentümlichkeiten ihrer Reli-
gion, wie die Forderung, sie vor Fremden zu verbergen, Geheimreligion zu sein, sollen so
bereits in der ältesten Periode angelegt gewesen sein – der politisch-religiöse Geheimbund als
Geburtszelle des Glaubens eines von der Gemeinschaft der Muslime ausgeschlossenen Vol-
kes.
Dieser Versuch, die Entstehung der yezidischen Gemeinschaft und der Besonderheiten histo-
risch festzumachen, durch die sie sich von der es umgebenden Völker- und Religionswelt
unterscheidet, ist mit starken Hypothesen belastet und bis heute nicht bewiesen. Diese histori-
sche Konstruktion klammert sich an eine bestimmte Deutung des Namens „Yezidi“. Er soll
von dem Namen des Kalifen Yazid I. (um 680 nach Christus) abgeleitet sein, dessen Partei-
gänger die „Yezidi“ gewesen seien. Yazid I. spielt in der religiösen Tradition der Yezidi al-
lerdings eine Rolle; es ist jedoch unbekannt, wann er zu einer der großen Gestalten des mythi-
schen yezidischen Geschichtsbildes wurde. Außerdem liefert diese Hypothese keine Antwor-
ten auf die Frage, wann die charakteristischen Eigentümlichkeiten der Yezidi-Religion ent-
standen sind, die im krassen Gegensatz zu Grundaussagen der muslimischen Dogmatik und
Glaubenswelt stehen und deren Entwicklung auch in Sufikreisen kaum denkbar ist. Erwä-
genswert wäre, in der Religion der Yezidi eine der vielen für die Geschichte des westirani-
schen und armenischen Berglandes typischen Mischreligionen zu sehen, die sich langsam
unter dem Einfluß der Religionen der angrenzenden Kulturräume entwickelt und daher Tradi-
tionen verschiedener Religionen auf- [37]
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Blick von der Zinne in die Höfe der Burg des Emirs der Yezidi.
Quelle: O. Schütz, a.a.O., S. 208
[38] genommen und miteinander verschmolzen hat. Westiran war immer ein Gebiet religiöser
Sonderentwicklungen und komplexer Mischreligionen. Der orthodoxe Zoroastrismus etwa,
die Staatsreligion Irans vor der Eroberung durch die Muslime im VII. Jahrhundert, war hier
nie in großen Gebieten verbreitet. In diesen Landschaften entstand die iranische Sonderreligi-
on des sogenannten Zervanismus, des Gottes der Zeit, in der sich häretische Gedanken mit
Ideen des orthodoxen Zoroastrismus verbanden; in diesem Gebiet entwickelte sich aller
Wahrscheinlichkeit nach in den Jahrhunderten um die Zeitenwende die Sonderreligion des
Mithras-Glaubens, die sich von hier aus über das ganze römische Reich verbreitete. Im Hoch-
land Westirans und Armeniens blieb der babylonische Sternglaube wohl am längsten am Le-
ben.
Der yezidische Glaube läßt sich vielleicht in diesen Kontext religiöser Sonderentwicklungen
einordnen. In ihm begegnen noch heute uralte, in die Religionswelt des vorchristlichen und
vorislamischen Zweistromlandes zurückverweisende Elemente neben Gedanken des irani-
schen Zoroastrismus, des orthodoxen Islam, des Sufitums, aber auch des orientalischen Chris-
tentums. Gewißheit über die Vorgeschichte der yezidischen Religion vor dem Auftreten
Scheich Adis wird erst zu gewinnen seien, wenn einmal alle religiösen Traditionen des Vol-
kes gesammelt und ausgewertet sein werden.
So bleiben bis heute die Gestalt und das Wirken Scheich Adis Ausgangs- und Orientierungs-
punkt für die Geschichte der Yezidi. Aber sie tritt aus dem Dunkel nur als Geschichte des
Scheichan-Bezirks und seiner Yezidi-Emire. In dieser kleinen Landschaft entstanden die die
Yezidi bis heute bestimmenden religiösen und politischen Lebensformen. Hier liegt das Zent-www.yeziden-colloquium.de
rum des Kultes und der politischen Organisation. Aber viele der hier gefundenen Verhaltens-
formen und Regeln blieben an das Leben im Scheichan-Bezirk gebunden. Zum Beispiel Klas-
sen der Hierarchie oder Arten der Liturgie, des repräsentativen Kultes, und strahlten nicht in
andere Siedlungsgebiete der Yezidi aus. In vielen Siedlungen wußte man im vergangenen
Jahrhundert vermutlich außer dem Namen nichts von Scheich Adi. Die Einheit der Yezidi
besteht in der politischen Selbstbindung an den Emir und dessen religiös-politische Autorität;
eine einheitliche Beantwortung der entscheidenden Lebensfragen, der religiösen Dogmatik
oder eine Einheit des Mythos wurde von den Autoritäten des Scheichan-Bezirks nicht er-
reicht. Die Yezidi außerhalb dieses Bezirks sind nur locker an das kultische und politische
Zentrum gebunden. Die Geschichte der Yezidi nach dem Auftreten Scheich Adis ist im Grun-
de nur die Geschichte des Scheichan-Gebietes und seiner Emire.
Yezidi verweisen bei der Frage nach ihrer Gechichte vor dem Erscheinen Scheich Adis auf
den Mythos, für die auf Scheich Adi folgende Zeit auf mündliche Traditionen, die die Klas-
senordnung des Volkes legitimieren sollen. Der Mythos erzählt, daß die Yezidi aus dem Sa-
men des androgynen (mann-weiblichen) Adam entstanden seien, alle anderen Völker der Erde
aber von Zwillingspaaren abstammten, die aus Adam und Eva in geschlechtlicher Verbindung
geboren seien. Die Yezidi sind somit nicht nur das älteste Volk der Erde, sondern vor allem
auch dadurch ausgezeichnet, daß ihre Entstehung nicht mit sexuellem Begehren verbunden
ist. Berichtet wird, daß Yezidi zuerst in der [39] Gegend von Basra Heimat gehabt hätten und
von dort über Syrien in die Siedlungsgebiete des Dschebel Sindschar, Westirans und Ostana-
toliens gewandert seien. Eine heilige Schrift der Yezidi teilt mit, daß die Familie der Emire
von den iranischen Sassaniden-Königen Schapur I. (242-271 nach Christus) und Schapur II.
(309-379 nach Christus) abstamme; mündliche Tradition macht die Emire zu Nachkommen
Scheich Adis. Die Ahnherren der Scheich-Familien sollen Engel und Schüler Scheich Adis
gewesen sein, in denen die Engel auf Erden erschienen seien; die Ahnherren der Pir-Familien
kurdische Schüler des Reformators.
In unserer Gegenwart ist das Fehlen einer eigenen Nationalgeschichte ein fast unauslöschli-
cher Makel. Im Zeitalter des Nationalismus und einer fast revolutionären Aufarbeitung der
Geschichte im Vorderen Orient sehen sich alle Völker dieses Raums zur erinnernden Neube-
lebung der Vergangenheit, auch unter dem Vorzeichen sozialistischer Gedanken, herausge-
fordert. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn sich auch nationalbewußte Yezidi auf die Su-
che nach der eigenen Geschichte begeben haben, und es ist auch kein Wunder, wenn diese
Suche in der Bildung neuer Mythen endet. Weit verbreitet ist heute die Einordnung der Yezidi
in die kurdische Nationalgeschichte, über sie wird die Geschichte des eigenen Volkes dann
bis in die Geschichte des iranischen Großreichs der Meder (um 647-550 vor Christus) zu-
rückverfolgt. Als Kurden sehen sich die Yezidi als Nachfolger der Meder und, im Gegensatz
zu den muslimischen Kurden, als Bewahrer alter medischer Religion. An dieser Rekonstruk-
tion einer Nationalgeschichte beteiligt sich auch der Emir; er bewahrt dadurch seine traditio-
nelle religiös-politische Funktion bei den Yezidi, verschafft seinem Amt und seiner Stellung
aber auch in der muslimischen Umgebung, im Umfeld des irakischen Nationalismus, einen
bedeutsamen historischen Hintergrund, historische Legitimation und Größe.
Emir Mŭءāwija identifiziert die Religion seines Volkes mit der Offenbarungsreligion des ira-
nischen Propheten Zarathustra. Die Yezidi sind für ihn die Bewahrer der alten vorislamischen
religiösen Tradition Irans. Durch diese Rekonstruktion findet die Yezidi-Religion für ihn auch
endlich ihren Platz im Kreis der sogenannten „Buchreligionen“ und erlangt die gleiche recht-
liche Stellung, wie sie das Judentum und das Christentum in der muslimischen Rechtsordnung
immer einnahmen; ihnen ist nach muslimischer Tradition Duldung zu gewähren, da ihre An-www.yeziden-colloquium.de
gehörigen keine Heiden sind. Die Yezidi werden so vom Kainsmal des Heidentums und der
Teufelsanbeterei befreit. Ihre Verfolgung durch die Muslime, der muslimische Dschihad,
Glaubenskampf gegen die zu den Heiden gezählten Yezidi, war danach ein historischer Irrtum
des Islam. In der Konsequenz dieser Gedanken zählt der Emir die Stärke seines Volkes nach
Millionen, weil er davon überzeugt ist, daß im gesamten Vorderen Orient bis in die zentral-
asiatischen Sowjetrepubliken hinein noch starke Reste von Anhängern der alten iranischen
Offenbarungsreligion leben; als Oberhaupt der „zoroastrischen“ Yezidi wird er zum Ober-
haupt eines Millionenvolkes mit entsprechender Macht und politischer Bedeutung. Diesen
Vorstellungen scheint er sogar yezidische Traditionen zu opfern, wenn er etwa in offiziellen
Schreiben den Namen seines Volkes durch die Bezeichnung „Zoroastrier“ [40] ersetzt.
Was wissen wir von der Geschichte der Yezidi? Auch als Geschichte der Emire des Schei-
chan-Bezirks kennt sie im Grunde nur ein Thema: Sie ist Geschichte der Verfolgung, des Lei-
dens, des heldenhaften Widerstandes, des langsamen Untergangs. Rechtlos im Vorderen Ori-
ent, hatten die Yezidi Verfolgungen durch muslimische Kurden, durch Statthalter des irani-
schen Schahs und durch Statthalter der osmanischen Sultane zu erdulden. Außerhalb der mus-
limischen Rechtsordnung stehend, galt ihnen gegenüber kein Mitleid, kein Versprechen, kein
Eid. Layard berichtet 1849 von den Treibjagden türkischer Statthalter von Mossul auf die
Yezidi und gibt ein Gespräch wieder, in dem sich die Einstellung des orthodoxen Muslimen
den Yezidi gegenüber deutlich niedergeschlagen hat. Der türkische Statthalter von Mossul
fragt in Gegenwart Layards den religiösen Richter seines Feldlagers, den Kadi, während eines
Kriegszuges gegen Yezidi, bei dem er auf todesmutigen Widerstand der Bedrängten stößt,
nach der Bedeutung seines Eides, wenn er den Yezidi Schonung zusage: „Wenn ich diesen
ungläubigen Yezidi einen Eid schwöre ... und sie infolgedessen, ihr Leben sicher glaubend,
sich ergeben sollten, inwieweit bin ich dadurch gebunden?“ Der Kadi antwortet: „Da die Ye-
zidi Ungläubige sind ... gehören sie in dieselbe Kategorie wie die anderen Ungläubigen...; sie
begreifen das wahre Wesen Gottes und seines Propheten nicht, mithin kennen sie auch das
Wesen des Eides nicht. Folglich ist er nicht gültig für sie und folglich, da keine Verbindlich-
keit vorhanden ist, kann er auch Sie nicht binden. Sie können sie nicht nur mit dem Schwert
umbringen lassen, wenn sie sich Ihnen im Glauben auf Ihren Eid ergeben hätten, sondern es
ist sogar Ihre Pflicht als guter Moslem, es zu tun; denn die Ungläubigen sind die Feinde Got-
tes und seines Propheten.“ Die Verfolgungen führten zur Dezimierung, zur Vertreibung aus
angestammten Siedlungsgebieten, zu neuen Verzweiflungstaten der Yezidi. Im Irak beteilig-
ten sich Yezidi am Kampf der Kurden gegen die irakische Regierung. Das Volk wurde dafür
aus dem Dschebel Sindschar verdrängt, die Familie des Emirs wurde weitgehend enteignet
und verlor die religiöse Autorität über das Heiligtum von Scheich Adi.
In unserer Gegenwart erfolgt eine Massenflucht der Yezidi aus ihrer Heimat. Europa wird zur
Zuflucht der Verfolgten, in Europa erhoffen sich Yezidi die Toleranz, die der muslimische
Orient nie gekannt hat. In Europa wächst die zweite und dritte Generation, aber auch eine
junge Intelligenz heran. Wird aber Europa die Religion der Yezidi auch zerstören? Vielleicht
können Yezidi hier nur für eine kurze Zeit ihre Identität durch einen verstärkten Exilnationa-
lismus bewahren. Der Verlust der Religion aber könnte unter den europäischen Lebensver-
hältnissen unabwendbar werden. Aus der religiösen Tradition der Yezidi wird kaum eine be-
wahrende Theologie entwickelt werden können. Untergang der Religion aber ist Untergang
der Yezidi: Ein Volk, aus den Abgründen dunkler Vergangenheit in das tötende Licht einer
fremden Welt gewandert, ein Volk auf dem Weg in den Untergang, ein Volk ohne Zukunft.
Die Yezidi besitzen keine einheitliche Religion. Es besteht Übereinkunft über elementare
Glaubensaussagen; eine ausgebildete Systematik mit einem Kanon für alle Yezidi verbindli-www.yeziden-colloquium.de
cher Formeln existieren nicht, es fehlen auch [41] Mythen, deren Aussagen von allen Yezidi
angenommen würden. Bei einer Befragung werden die verschiedensten Mythen mitgeteilt, in
denen von Gott, von der Schöpfung, von den Engeln, von der Schaffung und vom Sündenfall
des Menschen die Rede ist – aber nur selten stimmen die Inhalte der Erzählungen überein.
Der Grund für diese Vielschichtigkeit in der religiösen Tradition wird zuerst in der Zersplitte-
rung der Yezidi zu suchen sein. Hinzu kommt die Abgeschlossenheit der Priesterkasten, der
Bewahrer der Traditionen, von der Masse des Volkes, aber auch die Rivalität zwischen den
Priestern und ihre mangelhafte Bildung. In einer Geschichte ständiger Unterdrückung konnte
keine Elite entstehen, die die Ordnung und intellektuelle Klärung der religiösen Tradition zu
ihrer Lebensaufgabe hätte machen können; der yezidische Glaube kennt nur Priester, aber
keine Theologen. Und endlich: Es fehlt eine verbindliche schriftliche Fixierung der religiösen
Überlieferung, die durch die Geschichte hindurch hätte befragt und Quelle für die Reflexion
hätte werden können.
Die Yezidi kennen allerdings zwei Heilige Schriften, das Kitab al-Dschilwa, das „Buch der
Offenbahrungen“ und das Masĉhaf räsch, das „Schwarze Buch“. Als Schreiber des Buches
der Offenbarungen gilt Scheich Fachr ad-Din, der Sekretär Scheich Adis, dem es von diesem
diktiert worden sein soll. Als Verfasser des Schwarzen Buches wird Hasan al-Basri (642-728
nach Christus) genannt. Beide sollen irdische Erscheinungen von Engeln gewesen sein. Die
Bücher enthalten Mythen über die Weltschöpfung, die Entstehung der Engel und der Men-
schen sowie als verbindliche Gesetze formulierte Taburegeln, Meidungsgebote. Sie haben
über den Scheichan-Bezirk hinaus aber nie allgemeine Verbreitung oder Anerkennung gefun-
den. Im Umlauf befinden sich [42] verschiedene einander widersprechende arabische Fassun-
gen, ein für den Scheichan-Bezirk ehemals vielleicht verbindlicher Text ist verloren. Er war in
einer aus dem arabisch-persischen Alphabet abgeleiteten Geheimschrift geschrieben: nur eine
Abschrift ist erhalten, die sich heute in der ehemaligen Kaiserlichen Bibliothek in Wien be-
findet. Die Religion der Yezidi ist in der Praxis eine schriftlose Religion: sie lebt aus mündli-
cher Tradition.
In ihren Aussagen läßt sich die Yezidi-Religion am besten als eine synkretistische, zusam-
menfügende Mischreligion bezeichnen. In einem langen historischen Prozeß wurden auf eine
alte Grundlage Elemente aus verschiedenen Religionen hinzugefügt und verwuchsen zu einer
Einheit, in der die Vielschichtigkeit der hinzugefügten Bestandteile aber nicht voll integriert
werden konnte. Als Substrat kann vielleicht eine die Himmelslichter Sonne und Mond und die
Planeten als Götter verehrende Astralreligion babylonisch-westiranischer Tradition gesehen
werden. Mit ihr verbanden sich wohl schon sehr früh Gedanken des westiranischen Dualis-
mus von einem ewigen Kampf zwischen zwei göttlichen Mächten, die die Prinzipien Hell und
Dunkel, Gut und Böse verkörpern. Auf Einflüsse aus vorderorientalischen Hochreligionen
gehen vielleicht Aussagen der yezidischen Gotteslehre zurück, in denen sich augenscheinlich
monotheistische Tendenzen niedergeschlagen haben. Auch die Verbindung der Gestirnvereh-
rung mit einer Engellehre dürfte aus diesen Religionen herrühren. Niederschlag sufischer Ein-
flüsse kann man vielleicht in den Angaben einiger Mythen erkennen, in denen davon die Rede
ist, daß die Engel (und die Welt) aus Gott emaniert, als Teile seines Wesens aus Gott hervor-
getreten seien; derartige Mythologien begegnen uns nicht nur bei den Yezidi, sondern gehö-
ren seit den Jahrhunderten um die Zeitenwende zur Tradition des Vorderen Orients. In der
christlichen Antike lebten sie vor allem in den verschiedenen Formen der sogenannten gnosti-
schen Religionen; von christlichen Mystikern und muslimischen Sufis aufgegriffen, wurden
sie zu wesentlichen Bestandteilen, zum Beispiel von linksschiitischen Sekten oder der Religi-
on der Drusen im Libanon.
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Alle Versuche, die Geschichte der yezidischen Religion zu verstehen, sind mit großen Hypo-
thesen belastet. Nur Bruchstücke der religiösen Tradition dieses Volkes, nur Zufallsfunde,
sind bekannt. Die Yezidi-Religion ist Geheimreligion wie die der Drusen. Nur schwer sind
Auskünfte von Kundigen zu erlangen. Gott trägt bei den Yezidi keinen Namen, er wird als
„Herr“ angesprochen. Er ist der Schöpfer der Welt. Die Schöpfung wird jedoch nicht als crea-
tio ex nihilo, als Schaffung aus dem Nichts, verstanden, sondern als Ordnung und Gestaltung
eines vorweltlichen Urzustandes, der als Nebeneinander von Luftraum und Meer, in dem die
Elemente verborgen lagen, beschrieben wird. Im Mythos wird ausgesagt, daß Gott die Gestalt
eines Vogels gehabt habe; andere Mythen berichten, daß uranfänglich zwei Vögel existiert
hätten, Gott und Scheich Sin, die auch mit Sonne und Mond gleichgesetzt werden können. Sie
sollen in einem Kahn auf dem Urmeer gefahren oder auf zwei Bäumen geruht haben. Diese
Angaben erinnern an die ersten Verse der Bibel. In einigen Berichten findet sich auch die ori-
entalische Vorstellung von einem Weltenei. Gott soll es geboren und, nach einer Periode der
Ruhe, zerbrochen und aus [43] den Trümmern die Welt geschaffen haben. Außerdem begeg-
net uns im Mythos die Vorstellung, daß Gott selbst erst aus dem Weltenei entstanden, aus ihm
hervorgetreten sei.
Vor der ordnenden Gestalt der Welt entstanden nach yezidischer Tradition sieben Engel. Über
die Art und Weise ihrer Entstehung wird verschieden berichtet. In einigen Mythen werden die
Engel von Gott aus seiner Lichtsubstanz geschaffen, in anderen wird erzählt, daß sie mit Gott
zusammen aus dem Weltenei hervortraten, in weiteren, daß sie von selbst aus Gott emanier-
ten, herausflossen, seines Wesens sind, Gott von Gott. Als erster und damit oberster Engel
entstand Melek Ţā’ūs, der „Engel Pfau“; in vielen Berichten trägt er auch den Namen
Gǐbtrā’īl, Gabriel (heißt aber auch c Azrā’īl). Die nach Melek Ţā’ūs entstandenen Engel heißen
Dardā’īl, Isrāfīl, Mikā’īl, Azrā’īl, Schamnā’īl und Turā’īl. Diese Engelnamen sind auch in
anderen Religionen des Vorderen Orients bekannt. Die Engel werden zum Teil mit Gestirnen
identifiziert.
Die Ordnung der Welt soll nach einigen Berichten Gottes alleiniges Werk sein, nach anderen
waren die Engel in unterschiedlicher Weise an ihr beteiligt. Jeder der entstehenden Engel soll
von dem vorher entstandenen den Auftrag zur Schaffung eines bestimmten Teils der Welt
erhalten haben, von der Schaffung der Gestirne bis zu der der Hölle. In einem weiteren My-
thos wird mitgeteilt, daß Gott aus den Trümmern des Eies nur die Berge und den Himmel
geschaffen habe. Auch an der Schaffung des ersten Menschen war ein Engel beteiligt, Melek
Ţā’ūs. Er sammelte für Gott die Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft, damit Gott die Form
des Urmenschen bilden konnte. Nach der Formung der Gestalt gab Gott Adam zur Belebung
seinen Geist ein und übergab ihn Melek Ţā’ūs, der ihn ins Paradies führte. Ein Mythos berich-
tet, daß Gott in den geformten Adam hinein den Geist Scheich Sins eingepflanzt habe, der
nach einer Variante des Vorzeitmythos uranfänglich neben Gott als vogelgestaltiges Wesen
existierte. Diesem Mythos zufolge wird der Mensch lebendiges Wesen durch den Geist eines
Nebengottes.
Nach der Schöpfung soll Gott sich von der Welt zurückgezogen haben. Der erste Engel, Me-
lek Ţā’ūs, ist Herr dieser Welt. Auch in den Vorzeitmythen spielt Melek Ţā’ūs schon eine
entscheidende Rolle. Die Gestalt des Melek Ţā’ūs ist das Herzstück der Yezidi-Religion. Ent-
scheidende Themen der über das Wirken des Engels Pfau Auskunft gebenden Mythen sind
Erhebung des Engels über Gott, sein Fall und seine Erhebung zum Herrscher über alle Engel
und über die Welt sowie seine Verführung des Adam und seine Rolle als zweiter Demiurg,
Schöpfer, durch den der Mensch erst zum im tiefsten Sinn kreatürlichen und fortpflanzungs-
fähigen Wesen gemacht wurde. www.yeziden-colloquium.de
Viele Probleme birgt ein Mythos, in dem davon berichtet wird, daß Melek Ţā’ūs schon uran-
fänglich neben Gott und Scheich Sin existierte. Aus Stolz habe er versucht, Scheich Sin dazu
zu verführen, ihn anzubeten. In anderen Mythen tritt er in dieser Rolle vor die Engel und wird
von Gott dafür in die Hölle verdammt. Melek Ţā’ūs habe sich jedoch vor Reue verzehrt und
sei daher von Gott in Gnaden wieder angenommen worden, ja Gott habe ihn nach seiner Reue
zum Herrscher über die Welt eingesetzt. Nur in einem [44] Mythos findet sich bisher die An-
gabe, daß Melek Ţā’ūs in der Hölle so viele Tränen geweint habe, daß mit ihnen nach der
Rückkehr Scheich Adis von der Erde in den Himmel das Höllenfeuer gelöscht worden sei.
Yezidi leugnen diesem Mythos zufolge die Existenz der Hölle und der Höllenstrafen.
Als Herr über das Paradies erschien Melek Ţā’ūs aber auch als Verführer Adams. Diesem war
von Gott geboten worden, eine bestimmte Speise nicht zu essen; genannt werden in Varianten
des Mythos sowohl der Weizen wie die Weinbeere. Es gelang dem Engel Pfau, Adam zu ver-
führen. Nach dem Genuß der Speise bekam Adam jedoch Bauchschmerzen, da sein Körper
noch nicht die für die Verdauung notwendigen Körperöffnungen besaß. Einem Bericht zufol-
ge habe er in dieser Situation den Engel Pfau unter Schmerzen angeschrieen: Du bist nicht
Gott, Du bist Satan! Andere Mythen verlegen diese Benennung des Engels in die Zeit nach
der Vertreibung aus dem Paradies; zur schweren Arbeit des Landmanns gezwungen, aus dem
Schlaraffenland des Paradieses ausgewiesen, habe Adam den Engel mit diesem Namen be-
zeichnet, um dessen Wesen zu kennzeichnen. Nach dem Sündenfall werden durch Gott oder
Melek Ţā’ūs die notwendigen Körperöffnungen geschaffen; über die Art und Weise geben die
Mythen unterschiedliche Auskunft. Erst nach der Vertreibung Adams aus dem Paradies er-
folgte die Schaffung Evas aus der linken Achselhöhle des Urmenschen. Über die Entstehung
des Urelternpaares der Yezidi aus dem Samen Adams ist oben bereits berichtet worden;
daneben findet sich jedoch auch die Angabe, daß das Paar aus dem Schweiß entstanden sei,
der Adam von der Stirn floß, als er nach der Verstoßung zur Feld-Arbeit gezwungen war.
Melek Ţā’ūs erscheint in den Mythen der Yezidi als souverainer Herr dieser Welt. Zur Len-
kung seines Volkes soll er mehrmals in menschlicher Gestalt auf Erden erschienen sein. Als
Inkarnationen gelten der Kalif Yazid I. und Scheich Adi, die beide nach geheimer Tradition
„ohne Vater“, das heißt aus der Jungfrau geboren wurden. Der Inhalt des Buches der Offenba-
rungen, von Scheich Adi seinem Sekretär diktiert, ist demzufolge durch Melek Ţā’ūs selbst
offenbart, die Familie des Emirs, von Scheich Adi abstammend, engelhafter, wenn nicht gött-
licher Natur. Melek Ţā’ūs soll sich jedes Jahr während der Hauptfeierlichkeiten der Yezidi am
Grabe Scheich Adis auf geheimnisvolle, von den Yezidi verschwiegene Art offenbaren und
seinen Willen mitteilen. Der Name, mit dem Adam ihn anredete, darf nicht ausgesprochen
werden: verehrt wird er unter dem Bild eines Vogels, das allerdings keine Ähnlichkeit mit
einem Pfau aufweist.
Dieses Bild des Melek Ţā’ūs ist für die Entschlüsselung seines Wesens vielleicht von ent-
scheidender Bedeutung. Wie oben mitgeteilt, existieren Mythen, die davon erzählen, daß Me-
lek Ţā’ūs neben Gott und Scheich Sin (uranfänglich) in der Gestalt eines Vogels existierte.
Man darf vermuten, daß Melek Ţā’ūs ursprünglich der Gegengott eines dualistischen Systems
war, der erst unter dem Einfluß monotheistischer Religionen mit ausgebildeter Engellehre,
etwa des orientalischen Christentums oder des Islam, zum ersten Engel der Schöpfung wurde.
Auch die anderen Engel verkörpern sich in menschlicher Gestalt, zum Bei- [45] spiel Dardā’īl
in Hasan al-Basri, Mikā’īl im Kalifen Abu Bakr, dem Nachfolger des Propheten Muhammad,
Ţurā’īl in dem bereits mehrfach erwähnten Sekretär Scheich Adis. Wie Melek Ţā’ūs offenba-
ren auch sie sich den Menschen zu bestimmten Zeiten und verkündigen ihren Willen. In der www.yeziden-colloquium.de
Mythologie treten sie jedoch stark zurück. Erst wenn weiteres Material zur Verfügung steht,
wird festgestellt werden können, welche Stelle sie im Denken und in der religiösen Praxis der
Yezidi eigentlich einnehmen.
Das Melek Ţā’ūs-Idol der Yezidi
Quelle: G.P. Badger, a.a.O., S. 124
In Spekulationen über eine Folge einander ablösender Weltalter, die sicher nicht bei allen
Yezidi verbreitet sind, spielt Christus eine bedeutende Rolle. Er soll in einem kommenden
Zeitalter wieder auf die Erde kommen und Melek Ţā’ūs als Weltherrscher ablösen. Diese
Vorstellungen sind sicherlich aus der muslimischen Eschatologie, der Lehre von den letztend-
lichen Ereignissen, zu den Yezidi gedrungen. Bekannt ist auch, daß Christus im Kult des
Scheichan-Bezirks Verehrung genießt; religiöse Hymnen, die bei den Feierlichkeiten gesun-
gen werden, sind ihm gewidmet. Bei einigen Yezidi genießt der Wein, das „Blut Christi“,
besondere Achtung.
Über die religiöse Praxis liegt nur wenig Material vor und auch auf diesem Gebiet widerspre-
chen sich Aussage und Beobachtungen. In seinem persönlichen Glaubensleben kennt der Ye-
zidi das tägliche Gebet zu den Engeln, aber auch zu Sonne, Mond und Venusstern. Besondere
Kultbauten sind unbekannt, mit Ausnahme der Bauten am Grabe Scheich Adis; von den Pries-
tern geleiteter Gottesdienst findet in den Wohnungen statt, der Ritus ist unbekannt. Überall im
Siedlungsgebiet der Yezidi finden sich Heiligengräber, in denen berühmte Scheichs ruhen;
vor allem Frauen erbitten von den Heiligen Beistand und Schutz und stiften dafür als Entgelt
kleine Münzen. Der Lebensgang der Yezidi ist von Riten begleitet, von einer Taufe, in man-
chen Gebieten von der Beschneidung, von umfangreichen Totenriten.
Der Jahresablauf ist durch verschiedene Feste gegliedert, die meist von unterschiedlich langen
Fastenperioden eingerahmt werden. In den Anfängen der [46] Religionsgeschichte der Yezidi
hatten die Feste wohl den Charakter von Naturfeiern eines Bauernkalenders. Viel ist bekannt
über die großen Feiern am Grabe Scheich Adis, wenn auch nichts über die wesentlichen Teile
der Festriten, die vor Fremden geheim gehalten werden. Das Hauptfest wird im September
gefeiert, ein Neujahrsfest im Frühling, am ersten Mittwoch des Monats Nisan. Wöchentlicher
Ruhe- und Feiertag ist der Mittwoch. Das Leben der Yezidi wird außerdem durch Tabus ge-
regelt. Verboten ist zum Beispiel der Genuß bestimmter Gemüsesorten, die blaue Farbe wird
gemieden. In Mythen werden die Tabus begründet.
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Für den gläubigen Muslim sind die Yezidi Heiden, ist ihre Religion Heidentum. Ihr Glaube an
Melek Ţā’ūs verstößt gegen das Hauptgebot des Islam, wie es im Bekenntnis der 112. Sure
des Koran formuliert ist: Gott ist ein Einziger und Alleiniger und hat keinen Gefährten neben
sich. Der von den Yezidi verehrte Engel Pfau ist als gefallener Engel der Teufel, die Yezidi
sind Teufelsanbeter. Genau so schwer wiegt in den Augen der Muslime, daß Melek Ţā’ūs im
Bild dargestellt wird. Dadurch vergehen sich die Yezidi gegen das Bilderverbot des Koran.
Gegenstand des Abscheus ist in allen muslimischen Konfessionen auch die Tatsache, daß Ya-
zid I. eine entscheidende Rolle in der Glaubenslehre einnimmt, sogar als Erscheinung des
Engels oder des Teufels verehrt wird. Für orthodoxe Sunniten ist Yazid I. der Eroberer der
heiligen Stadt Mekka, für die orthodoxen Schiiten mitschuldig am Märtyrertum der ersten
Imame. Als Heiden und Teufelsanbeter stehen die Yezidi außerhalb der Rechtsordnung des
Islam. Da seine Religion nicht als „Buchreligion“ anerkannt ist, genießt der Yezidi auch keine
Duldung. Ihm gegenüber gilt nur das Gesetz des Dschihad, des Glaubenskriegs, in dem dem
Heiden nur die Wahl zwischen Bekehrung oder Tod bleibt. Begegnet ein gläubiger Muslim
einem Yezidi, so straft er ihn mit abgrundtiefer Verachtung. Auch gebildete Muslime zeigen
dieses Verhalten. Alles Böse umschwebt einen Yezidi, er ist in den Augen des Muslimen
dumm, faul, schmutzig, amoralisch. Sehr oft zu hören ist der Vorwurf, daß die geheimnisvol-
len Feiern der Yezidi nichts anderes seien, als finstere Orgien, in denen sich ohne Schranken
Männer und Frauen miteinander geschlechtlich vereinigen. Dieser Vorwurf traf in der Religi-
onsgeschichte des Vorderen Orients schon viele Religionen – auch das frühe Christentum.
Gernot Wießner ist Ordentlicher Professor für Allgemeine Religionsgeschichte an der Uni-
versität Göttingen
Anmerkungen:
1) E. Sachau: Reise in Syrien und Mesepotamien. Leipzig, 1884.
2) A.H. Layard: Niniveh and its Remains. 1849; dt. Ausgabe hrsg. von H. Schmökel: Auf der Suche
nach Ninive. München, 1975.
3) dt. Ausgabe hrsg. von H. Rosenau. Frankfurt 1981.
Zur Literatur:
E. Müller: Kulturhistorische Studien zur Genese pseudoislamischer Sektengebilde in Vorderasien.
Wiesbaden 1967.
Gernot Wießner: „...in das tötende Licht einer fremden Welt gewandert“ – Geschichte und Religion der Yezidi, in: Schneider, Robin (Hrsg.): Die kurdischen Yezidi: ein Volk auf dem Weg in den Untergang, Göttingen 1984, S. 31 – 46.
Kommentar
Das Êzîdentum im kurdischen Teil der Türkei ist fast restlos ausgestorben. Die meisten der ehemals dort beheimateten Êzîden haben in Europa bzw. in Deutschland als religiöse Flüchtlinge Asyl erhalten. Bis die deutschen Verwaltungsgerichte den Status als Gruppenverfolgte für die Êzîden anerkannten, vergingen jedoch viele Jahre, die geprägt waren von Unsicherheit und der Angst, in ein Land abgeschoben zu werden, das ihnen ihre Heimat vorenthielt und dabei von der lokalen muslimischen Gesellschaft unterstützt wurde.
Dass die Êzîden hier in Deutschland leben können, ohne ihre Religion verbergen zu müssen, haben sie zu einem großen Teil der Arbeit von engagierten und beherzten Menschen wie Gernot Wießner zu verdanken. Es waren unter anderem seine Gutachten, mit der die deutschen Gerichte ein realistisches Bild von der prekären Situation der Êzîden in der Türkei erhielten. Zweifach gebrandmarkt, einmal als Kurden, und dann nochmals als Êzîden, wurde ihre Lage immer bedrohlicher, bis ein Verbleib in den angestammten Siedlungsgebieten in der Türkei nicht mehr möglich war.
Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat die êzîdische Gemeinschaft stets in punkto Asylgewährung unterstützt. 1984 hat sie einen Sammelband herausgegeben, in dem neben wissenschaftlichen Beiträgen auch einige Interviews, Zeugenberichte und andere Dokumente präsentiert werden. Der Band trägt den bezeichnenden Titel: „Die kurdischen Yezidi: ein Volk auf dem Weg in den Untergang“. Es war nicht zuletzt die verzweifelte Situation der Êzîden in der Türkei und die drohende Abschiebung derjenigen aus der Bundesrepublik, die zu dem pessimistischen Grundton dieses Bandes beitrugen. Die Tatsache, dass Êzîden von ihren muslimischen Nachbarn unterdrückt und vom türkischen Staat nicht beschützt werden und dass sie daher auch keine inländische Fluchtalternative haben, wurde erst einige Jahre später gerichtlich anerkannt.
So ist es nicht verwunderlich, dass Prof. Wießner in seinem Aufsatz die Sorge zum Ausdruck bringt, dass die Êzîden ihre Religion und Identität im Exil verlieren könnten. Angesichts der Tatsache, dass seit Erscheinen dieses Aufsatzes mehr als zwei Dekaden vergangen sind, lohnt sich ein Blick auf die gegenwärtige Situation der Êzîden in Deutschland und in den anderen Siedlungs- und Wohngebieten.
Als positiv herauszustellen ist die kulturelle Arbeit der privatrechtlichen êzîdischen Vereine, die sich in den letzten Jahren für den Erhalt der êzîdischen Religion eingesetzt haben. Religiöse Zeremonien, die Organisation von Seminaren und Vorträgen zur êzîdischen Religion und Kultur oder die politische Zusammenarbeit mit deutschen Behörden geben Grund zur Hoffnung, dass Êzîden sich auf ihre traditionellen Werte besinnen können und dabei den Dialog mit ihrem Wahlheimatland suchen. Insofern kann man einer pessimistischen Prognose zur Zukunft der êzîdischen Gemeinschaft in Deutschland widersprechen.
Dennoch ist der Hinweis von Prof. Wießner berechtigt, dass die Êzîden über keine formale Theologie verfügen. Von einer Gemeinschaft, die über Jahrhunderte ihre Mythen und religiösen Traditionen mündlich überliefert hat, kann man andererseits nicht verlangen, dass sie binnen kurzer Zeit eine verschriftlichte Theologie entwickelt. Daher möchte ich Wießners These widersprechen, wonach aus „der religiösen Tradition der Yezidi (...) kaum eine bewahrende Theologie entwickelt werden [könne]“ (S. 40). Die Sammlung und Verschriftlichung êzîdischer heiliger Texte in den vergangenen zwanzig Jahren beweisen uns, dass die Êzîden durchaus über ein theologisches System verfügen. Dennoch besitzen diese Texte keinen hohen Stellenwert bei den Religionsanhängern. Die Existenz eines einheitlichen religiösen Kanons hätte sicherlich den Vorteil, die Gruppenidentität der Êzîden positiv zu beleben, aber das Fehlen einer solchen Systematik muss noch lange nicht den Untergang einer Gemeinschaft nach sich ziehen.
Die Vielschichtigkeit der von Êzîden mitgeteilten Mythen und Legenden sollte als Bereicherung empfunden werden, denn eine formalisierte Theologie birgt auch die Gefahr in sich, dass die Dynamik und das Facettenreichtum mündlicher Erzählungen verloren geht. Die êzîdische Religion versteht sich schließlich nicht als Offenbarungsreligion, sondern ist in einem Jahr-hunderte währenden Prozess historisch gemäß den Bedürfnissen der Gemeinschaft herangewachsen. Die Êzîden haben teilweise damit begonnen, ihre heiligen Texte niederzuschreiben, um dem Verlust von religiösen Inhalten auch ein Stück weit entgegenzuwirken. Inwiefern diese Bestrebungen zu einer Veränderung der Religionspraxis und des Selbstverständnisses der Êzîden führen wird, wird die Zukunft zeigen.
Dennoch darf man sich nicht der Illusion hingeben, eine alte Religionsgemeinschaft, die viele Jahrhunderte voller Verfolgung und Unterdrückung überstanden habe, würde mit Sicherheit auch in Zukunft Bestand haben. Vor allem nicht in einem Umfeld, das einerseits Religionsfreiheit gewährt, gleichzeitig selbst in Bezug auf Religion nicht festgelegt ist. Die Êzîden in Europa müssen sich ihrer eigenen Identität bewusst werden, ob mit oder ohne einen Kanon verbindlicher religiöser Vorschriften. Ein Aspekt, der dies sicherlich fördern würde, wäre die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts.
Gerade die Tatsache, dass die Êzîden über kein „heiliges“ Buch verfügten wie z.B. Christen und Juden, machte sie im Ursprungsland anfällig für Unterdrückungs- und Assimilierungsmaßnahmen seitens ihrer muslimischen Nachbarn. Die nun anzustrebende rechtliche Anerkennung ist eine zusätzliche, Identität stiftende Maßnahme, die das Gruppenbewusstsein stärken und die êzîdische Gemeinschaft gleichzeitig an die deutsche Gesellschaft heranführen sollte.
Ein anderer, interessanter Aspekt, den Prof. Wießner anführt, ist die Charakterisierung des êzîdischen Glaubens als „Mischreligion“ oder als „synkretistische Religion“. Der Begriff des Synkretismus ist in der Religionswissenschaft eher negativ konnotiert. Mit dieser Titulierung geht meist das Vorurteil einher, es handele sich um keinen selbstständigen, ursprünglichen Glauben, da die meisten Elemente des religiösen Systems von anderen Religionen übernommen worden seien.
Es ist richtig, dass das Êzîdentum Glaubensaspekte beinhaltet, die man auch im (mystischen) Islam, im Christentum orientalischer Prägung, im Judentum oder im Zarathustrismus wiederfindet. Die Tatsache jedenfalls, dass es diese Inhalte gibt, bedeutet nicht zwangsweise, dass das Êzîdentum sie im Zuge einer Prägung von außen aufgenommen hätte. Die altiranischen Glaubensaspekte des Êzîdentums führen uns vor Augen, dass die Parallelen zwischen dem êzîdischen Glauben und anderen in Mesopotamien entstandenen Religionen ebenso auf eine Einflussnahme seitens des Êzîdentums oder auf jeweils gemeinsame Wurzeln zurückzuführen sein könnten.
Die Interpretation zum Beispiel, dass es sich bei Taus-î Melek um den gefallenen Engel der abrahamitischen Religionen handelte, ist jedenfalls dann verfehlt, wenn man vom abrahamitischen Mythos vor allem in seiner islamischen Ausformung ausgeht und Taus-î Melek in dieses System hineinzwängt. Dass Taus-î Melek „ursprünglich der Gegengott eines dualistischen Systems war“ (S. 44), wie Wießner sagt, ist also noch lange nicht zwingend.
Die êzîdische Vorstellung von Gut und Böse unterscheidet sich aber auch von anderen Religionen, wie etwa dem Zarathustrismus. Während im Êzîdentum das Böse schlichtweg nicht als eigenständige religiöse Größe anerkannt wird, besteht das Böse im Zarathustrismus zumindest als eines von zwei Grundprinzipien, verkörpert von der Figur des Ahriman.
Schließlich fällt auf, dass Prof. Wießner im Rahmen seines Beitrages mehrmals vom êzîdischen Volk spricht und auch explizit der weit verbreiteten These widerspricht, bei den Êzîden handele es sich ethnisch um Kurden. Ob man jedoch die ethnische Zugehörigkeit eines Volkes oder einer Gemeinschaft anhand von äußerlichen Merkmalen zu anderen Völkern und Gruppen beweisen kann, ist äußerst zweifelhaft. Da Mesopotamien schon immer eine Art Schmelztiegel von Religionen und religiösen Bewegungen war, ist eine ausschließliche Abstammung der êzîdischen Gemeinschaft von den Kurden nicht sicher. Insofern sind Wießners Zweifel berechtigt.
Andererseits gibt es verschiedene Indizien, die für eine ursprüngliche êzîdisch-kurdische Ethnohistorie sprechen, wie etwa die gemeinsame Sprache (fast alle Êzîden sprechen den Kurmanji-Dialekt), die ähnliche soziale Struktur innerhalb der Familienverbände oder die vergleichbare wirtschaftliche Lebens- und Produktionsweise in den angestammten Siedlungsgebieten. Für die Verbindung zwischen Êzîden und Kurden spricht auch die Tatsache, dass die êzîdische Gemeinde und andere kleinere Gemeinschaften unter den Kurden, wie etwa die Ahl-i Haqq oder die kurdischen Aleviten, über erstaunliche Parallelen in ihrer Theologie und ihrer religiösen Praxis verfügen. Diese rituellen und theologischen Gemeinsamkeiten könnten der Beweis für eine kurdische Ursprungsreligion sein, die sich im Laufe der Zeit aufspaltete und unterschiedliche Wege ging; freilich bleibt auch dies eine Vermutung.
Allerdings muss in einem Punkt Wießner entschieden widersprochen werden: es ist keineswegs so gewesen, dass die Êzîden aus dem Irak nach dem niedergeschlagenen Kurden-Aufstand 1975 bestrebt waren, „die Verbindung mit Arabern stärker zu betonen“ (S. 31). Die rigorose Vertreibungs- und Arabisierungspolitik Saddam Husseins hat auch die Êzîden hart getroffen. So wurden auch êzîdische Dörfer zerstört und ihre Bewohner in Großdörfer oder neu angelegte muğamma’ât zwangsumgesiedelt. Die Kollektivbestrafungen der rebellierenden Kurden traf ohne Unterschied auch die Êzîden und verschonte selbst diejenigen nicht, die in den regimefreundlichen fursân-Regimentern dienten.
Andererseits versuchte das Baath-Regime die Êzîden für seine Arabisierungspolitik auszunutzen; nach der offiziellen Ideologie wurden Êzîden ethnisch zu Arabern stilisiert, die aus der umayyadischen Bewegung hervorgegangen seien. Es mag sein, dass einige Vertreter der Chol-Familie aus opportunistischen Gründen mit dem baathistischen Regime sympathisierten und zusammenarbeiteten, und darauf spielt Wießner offenbar an, allerdings kann das nicht für die êzîdische Gemeinschaft insgesamt gelten.
Dennoch scheint dies schon immer ein Problem der êzîdischen Elite gewesen zu sein. Gerade der Kampf um das Amt des Mîr hat zu teilweise sehr blutigen Auseinandersetzungen innerhalb der êzîdischen Gemeinschaft geführt und die Religionsgemeinschaft dadurch nachhaltig geschwächt. So kann man die Geschichte der êzîdischen Dynastien treffend auch als eine Geschichte wechselnder Rivalitäten bezeichnen. Dabei ließen sich die êzîdischen Stammesführer und deren Verwandte immer wieder von ihren „Feinden“ instrumentalisieren und gegenein-ander ausspielen. Die jahrelangen Streitereien zwischen der Großmutter des jetzigen Mîr, Mayan Khatun, und ihrem Bruder, Ismail Beg Chol, um die inner-êzîdische Vorherrschaft haben beispielsweise der Gemeinschaft nachhaltig Schaden zugefügt. Die Êzîden beschnitten dadurch ihren machpolitischen Handlungsspielraum, den sie gegenüber den Briten bzw. später gegenüber dem irakischen Regime hätten ausnutzen können.
Ein anderes Beispiel für den teilweise selbstverschuldeten, engen Gestaltungs- und Machtspielraum liegt nur wenige Jahre zurück: Nachdem Mîr Tahsîn Beg nach dem gescheiterten Kurdenaufstand Mitte der 1970er Jahre wegen seiner prokurdischen Haltung ins Exil flüchten musste, versuchte das irakische Regime, einen Cousin des Mîr, Xerî Beg, als neuen Mîr einzusetzen. Dass dieser Versuch misslang, ist nur den Êzîden selbst zu verdanken, die Xerî Beg als neues weltliches Oberhaupt nicht akzeptierten. Die Machtkämpfe um führende (religiöse wie weltliche) Ämter und damit um politische und wirtschaftliche Schlagkraft existieren nicht erst seit der „Machtübernahme“ der Chol-Familie, sondern ziehen sich vielmehr wie ein roter Faden durch die êzîdische Geschichte seit der Zeit Sheikh Adis.
Schließlich ist noch darauf einzugehen, dass Wießner die êzîdische Gemeinde an verschiedenen Stellen als „Volk“ bezeichnet. Damit wollte er die Verbundenheit zum kurdischen Volk nicht negieren. Man hatte ihm zwar den Vorwurf gemacht, er versuche, die Êzîden von den Kurden zu spalten; dies war jedoch völlig unsinnig. In einemInterview, das er dem Yezidischen Fo-rum Oldenburg im Jahre 1999 gab, hat er auf die historische Tatsache hingewiesen, dass die muslimischen Kurden selbst die Êzîden nicht als Kurden betrachteten und sie aus ihrer Gemeinschaft ausschlossen.
Obwohl es zahlreiche Beispiele gibt, in denen êzîdische Stämme gemeinsam mit anderen kurdischen Stämmen gegen arabische, türkische oder persische Besatzer gekämpft haben, gibt es ebenso viele Fälle, wenn nicht sogar noch mehr, in denen Êzîden auf grauenvolle Weise von ihren kurdischen Nachbarn verfolgt und umgebracht wurden. Man denke nur an die Strafexpeditionen Bedirxan Begs, der ja gemeinhin als schillerndster kurdischer Fürst gilt. Gerade diese Tatsache ist eine Belastung für eine êzîdisch-kurdische Annäherung. Die eher politisch motivierten Bekundungen von kurdischen Parteien und Organisationen, die Êzîden seien die ursprünglichen Kurden, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kluft zwischen Muslimen und Êzîden noch spürbar ist.
Unsere Redaktion hat sich für die Publikation des Aufsatzes entschieden, weil er nach wie vor in wesentlichen Zügen aktuell ist (wenn man von der wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der êzîdischen religiösen heiligen Texte absieht). Es war uns auch ein Anliegen, das Engagement von Herrn Wießner und seiner Frau, die sie gegenüber den Kurden und den Êzîden gezeigt haben, zu würdigen, damit dies nicht in Vergessenheit gerät. Überdies ist Prof. Wießners Artikel ein willkommener Anlass für die hier lebenden Êzîden, einen Rückblick auf die vergangenen zwei Dekaden zu werfen, um über ihre Situation damals und heute zu reflektieren. Auch das ist schließlich Teil êzîdischer Geschichte und für die (Veränderung in der) Religionspraxis von großem Gewicht.
Serhat Ortac
Gernot Wießner: „...in das tötende Licht einer fremden Welt gewandert“ – Geschichte und Religion der Yezidi, in: Schneider, Robin (Hrsg.): Die kurdischen Yezidi: ein Volk auf dem Weg in den Untergang, Göttingen 1984, S. 31 – 46.
Kommentar
Das Êzîdentum im kurdischen Teil der Türkei ist fast restlos ausgestorben. Die meisten der ehemals dort beheimateten Êzîden haben in Europa bzw. in Deutschland als religiöse Flüchtlinge Asyl erhalten. Bis die deutschen Verwaltungsgerichte den Status als Gruppenverfolgte für die Êzîden anerkannten, vergingen jedoch viele Jahre, die geprägt waren von Unsicherheit und der Angst, in ein Land abgeschoben zu werden, das ihnen ihre Heimat vorenthielt und dabei von der lokalen muslimischen Gesellschaft unterstützt wurde.
Dass die Êzîden hier in Deutschland leben können, ohne ihre Religion verbergen zu müssen, haben sie zu einem großen Teil der Arbeit von engagierten und beherzten Menschen wie Gernot Wießner zu verdanken. Es waren unter anderem seine Gutachten, mit der die deutschen Gerichte ein realistisches Bild von der prekären Situation der Êzîden in der Türkei erhielten. Zweifach gebrandmarkt, einmal als Kurden, und dann nochmals als Êzîden, wurde ihre Lage immer bedrohlicher, bis ein Verbleib in den angestammten Siedlungsgebieten in der Türkei nicht mehr möglich war.
Die Gesellschaft für bedrohte Völker hat die êzîdische Gemeinschaft stets in punkto Asylgewährung unterstützt. 1984 hat sie einen Sammelband herausgegeben, in dem neben wissenschaftlichen Beiträgen auch einige Interviews, Zeugenberichte und andere Dokumente präsentiert werden. Der Band trägt den bezeichnenden Titel: „Die kurdischen Yezidi: ein Volk auf dem Weg in den Untergang“. Es war nicht zuletzt die verzweifelte Situation der Êzîden in der Türkei und die drohende Abschiebung derjenigen aus der Bundesrepublik, die zu dem pessimistischen Grundton dieses Bandes beitrugen. Die Tatsache, dass Êzîden von ihren muslimischen Nachbarn unterdrückt und vom türkischen Staat nicht beschützt werden und dass sie daher auch keine inländische Fluchtalternative haben, wurde erst einige Jahre später gerichtlich anerkannt.
So ist es nicht verwunderlich, dass Prof. Wießner in seinem Aufsatz die Sorge zum Ausdruck bringt, dass die Êzîden ihre Religion und Identität im Exil verlieren könnten. Angesichts der Tatsache, dass seit Erscheinen dieses Aufsatzes mehr als zwei Dekaden vergangen sind, lohnt sich ein Blick auf die gegenwärtige Situation der Êzîden in Deutschland und in den anderen Siedlungs- und Wohngebieten.
Als positiv herauszustellen ist die kulturelle Arbeit der privatrechtlichen êzîdischen Vereine, die sich in den letzten Jahren für den Erhalt der êzîdischen Religion eingesetzt haben. Religiöse Zeremonien, die Organisation von Seminaren und Vorträgen zur êzîdischen Religion und Kultur oder die politische Zusammenarbeit mit deutschen Behörden geben Grund zur Hoffnung, dass Êzîden sich auf ihre traditionellen Werte besinnen können und dabei den Dialog mit ihrem Wahlheimatland suchen. Insofern kann man einer pessimistischen Prognose zur Zukunft der êzîdischen Gemeinschaft in Deutschland widersprechen.
Dennoch ist der Hinweis von Prof. Wießner berechtigt, dass die Êzîden über keine formale Theologie verfügen. Von einer Gemeinschaft, die über Jahrhunderte ihre Mythen und religiösen Traditionen mündlich überliefert hat, kann man andererseits nicht verlangen, dass sie binnen kurzer Zeit eine verschriftlichte Theologie entwickelt. Daher möchte ich Wießners These widersprechen, wonach aus „der religiösen Tradition der Yezidi (...) kaum eine bewahrende Theologie entwickelt werden [könne]“ (S. 40). Die Sammlung und Verschriftlichung êzîdischer heiliger Texte in den vergangenen zwanzig Jahren beweisen uns, dass die Êzîden durchaus über ein theologisches System verfügen. Dennoch besitzen diese Texte keinen hohen Stellenwert bei den Religionsanhängern. Die Existenz eines einheitlichen religiösen Kanons hätte sicherlich den Vorteil, die Gruppenidentität der Êzîden positiv zu beleben, aber das Fehlen einer solchen Systematik muss noch lange nicht den Untergang einer Gemeinschaft nach sich ziehen.
Die Vielschichtigkeit der von Êzîden mitgeteilten Mythen und Legenden sollte als Bereicherung empfunden werden, denn eine formalisierte Theologie birgt auch die Gefahr in sich, dass die Dynamik und das Facettenreichtum mündlicher Erzählungen verloren geht. Die êzîdische Religion versteht sich schließlich nicht als Offenbarungsreligion, sondern ist in einem Jahr-hunderte währenden Prozess historisch gemäß den Bedürfnissen der Gemeinschaft herangewachsen. Die Êzîden haben teilweise damit begonnen, ihre heiligen Texte niederzuschreiben, um dem Verlust von religiösen Inhalten auch ein Stück weit entgegenzuwirken. Inwiefern diese Bestrebungen zu einer Veränderung der Religionspraxis und des Selbstverständnisses der Êzîden führen wird, wird die Zukunft zeigen.
Dennoch darf man sich nicht der Illusion hingeben, eine alte Religionsgemeinschaft, die viele Jahrhunderte voller Verfolgung und Unterdrückung überstanden habe, würde mit Sicherheit auch in Zukunft Bestand haben. Vor allem nicht in einem Umfeld, das einerseits Religionsfreiheit gewährt, gleichzeitig selbst in Bezug auf Religion nicht festgelegt ist. Die Êzîden in Europa müssen sich ihrer eigenen Identität bewusst werden, ob mit oder ohne einen Kanon verbindlicher religiöser Vorschriften. Ein Aspekt, der dies sicherlich fördern würde, wäre die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts.
Gerade die Tatsache, dass die Êzîden über kein „heiliges“ Buch verfügten wie z.B. Christen und Juden, machte sie im Ursprungsland anfällig für Unterdrückungs- und Assimilierungsmaßnahmen seitens ihrer muslimischen Nachbarn. Die nun anzustrebende rechtliche Anerkennung ist eine zusätzliche, Identität stiftende Maßnahme, die das Gruppenbewusstsein stärken und die êzîdische Gemeinschaft gleichzeitig an die deutsche Gesellschaft heranführen sollte.
Ein anderer, interessanter Aspekt, den Prof. Wießner anführt, ist die Charakterisierung des êzîdischen Glaubens als „Mischreligion“ oder als „synkretistische Religion“. Der Begriff des Synkretismus ist in der Religionswissenschaft eher negativ konnotiert. Mit dieser Titulierung geht meist das Vorurteil einher, es handele sich um keinen selbstständigen, ursprünglichen Glauben, da die meisten Elemente des religiösen Systems von anderen Religionen übernommen worden seien.
Es ist richtig, dass das Êzîdentum Glaubensaspekte beinhaltet, die man auch im (mystischen) Islam, im Christentum orientalischer Prägung, im Judentum oder im Zarathustrismus wiederfindet. Die Tatsache jedenfalls, dass es diese Inhalte gibt, bedeutet nicht zwangsweise, dass das Êzîdentum sie im Zuge einer Prägung von außen aufgenommen hätte. Die altiranischen Glaubensaspekte des Êzîdentums führen uns vor Augen, dass die Parallelen zwischen dem êzîdischen Glauben und anderen in Mesopotamien entstandenen Religionen ebenso auf eine Einflussnahme seitens des Êzîdentums oder auf jeweils gemeinsame Wurzeln zurückzuführen sein könnten.
Die Interpretation zum Beispiel, dass es sich bei Taus-î Melek um den gefallenen Engel der abrahamitischen Religionen handelte, ist jedenfalls dann verfehlt, wenn man vom abrahamitischen Mythos vor allem in seiner islamischen Ausformung ausgeht und Taus-î Melek in dieses System hineinzwängt. Dass Taus-î Melek „ursprünglich der Gegengott eines dualistischen Systems war“ (S. 44), wie Wießner sagt, ist also noch lange nicht zwingend.
Die êzîdische Vorstellung von Gut und Böse unterscheidet sich aber auch von anderen Religionen, wie etwa dem Zarathustrismus. Während im Êzîdentum das Böse schlichtweg nicht als eigenständige religiöse Größe anerkannt wird, besteht das Böse im Zarathustrismus zumindest als eines von zwei Grundprinzipien, verkörpert von der Figur des Ahriman.
Schließlich fällt auf, dass Prof. Wießner im Rahmen seines Beitrages mehrmals vom êzîdischen Volk spricht und auch explizit der weit verbreiteten These widerspricht, bei den Êzîden handele es sich ethnisch um Kurden. Ob man jedoch die ethnische Zugehörigkeit eines Volkes oder einer Gemeinschaft anhand von äußerlichen Merkmalen zu anderen Völkern und Gruppen beweisen kann, ist äußerst zweifelhaft. Da Mesopotamien schon immer eine Art Schmelztiegel von Religionen und religiösen Bewegungen war, ist eine ausschließliche Abstammung der êzîdischen Gemeinschaft von den Kurden nicht sicher. Insofern sind Wießners Zweifel berechtigt.
Andererseits gibt es verschiedene Indizien, die für eine ursprüngliche êzîdisch-kurdische Ethnohistorie sprechen, wie etwa die gemeinsame Sprache (fast alle Êzîden sprechen den Kurmanji-Dialekt), die ähnliche soziale Struktur innerhalb der Familienverbände oder die vergleichbare wirtschaftliche Lebens- und Produktionsweise in den angestammten Siedlungsgebieten. Für die Verbindung zwischen Êzîden und Kurden spricht auch die Tatsache, dass die êzîdische Gemeinde und andere kleinere Gemeinschaften unter den Kurden, wie etwa die Ahl-i Haqq oder die kurdischen Aleviten, über erstaunliche Parallelen in ihrer Theologie und ihrer religiösen Praxis verfügen. Diese rituellen und theologischen Gemeinsamkeiten könnten der Beweis für eine kurdische Ursprungsreligion sein, die sich im Laufe der Zeit aufspaltete und unterschiedliche Wege ging; freilich bleibt auch dies eine Vermutung.
Allerdings muss in einem Punkt Wießner entschieden widersprochen werden: es ist keineswegs so gewesen, dass die Êzîden aus dem Irak nach dem niedergeschlagenen Kurden-Aufstand 1975 bestrebt waren, „die Verbindung mit Arabern stärker zu betonen“ (S. 31). Die rigorose Vertreibungs- und Arabisierungspolitik Saddam Husseins hat auch die Êzîden hart getroffen. So wurden auch êzîdische Dörfer zerstört und ihre Bewohner in Großdörfer oder neu angelegte muğamma’ât zwangsumgesiedelt. Die Kollektivbestrafungen der rebellierenden Kurden traf ohne Unterschied auch die Êzîden und verschonte selbst diejenigen nicht, die in den regimefreundlichen fursân-Regimentern dienten.
Andererseits versuchte das Baath-Regime die Êzîden für seine Arabisierungspolitik auszunutzen; nach der offiziellen Ideologie wurden Êzîden ethnisch zu Arabern stilisiert, die aus der umayyadischen Bewegung hervorgegangen seien. Es mag sein, dass einige Vertreter der Chol-Familie aus opportunistischen Gründen mit dem baathistischen Regime sympathisierten und zusammenarbeiteten, und darauf spielt Wießner offenbar an, allerdings kann das nicht für die êzîdische Gemeinschaft insgesamt gelten.
Dennoch scheint dies schon immer ein Problem der êzîdischen Elite gewesen zu sein. Gerade der Kampf um das Amt des Mîr hat zu teilweise sehr blutigen Auseinandersetzungen innerhalb der êzîdischen Gemeinschaft geführt und die Religionsgemeinschaft dadurch nachhaltig geschwächt. So kann man die Geschichte der êzîdischen Dynastien treffend auch als eine Geschichte wechselnder Rivalitäten bezeichnen. Dabei ließen sich die êzîdischen Stammesführer und deren Verwandte immer wieder von ihren „Feinden“ instrumentalisieren und gegenein-ander ausspielen. Die jahrelangen Streitereien zwischen der Großmutter des jetzigen Mîr, Mayan Khatun, und ihrem Bruder, Ismail Beg Chol, um die inner-êzîdische Vorherrschaft haben beispielsweise der Gemeinschaft nachhaltig Schaden zugefügt. Die Êzîden beschnitten dadurch ihren machpolitischen Handlungsspielraum, den sie gegenüber den Briten bzw. später gegenüber dem irakischen Regime hätten ausnutzen können.
Ein anderes Beispiel für den teilweise selbstverschuldeten, engen Gestaltungs- und Machtspielraum liegt nur wenige Jahre zurück: Nachdem Mîr Tahsîn Beg nach dem gescheiterten Kurdenaufstand Mitte der 1970er Jahre wegen seiner prokurdischen Haltung ins Exil flüchten musste, versuchte das irakische Regime, einen Cousin des Mîr, Xerî Beg, als neuen Mîr einzusetzen. Dass dieser Versuch misslang, ist nur den Êzîden selbst zu verdanken, die Xerî Beg als neues weltliches Oberhaupt nicht akzeptierten. Die Machtkämpfe um führende (religiöse wie weltliche) Ämter und damit um politische und wirtschaftliche Schlagkraft existieren nicht erst seit der „Machtübernahme“ der Chol-Familie, sondern ziehen sich vielmehr wie ein roter Faden durch die êzîdische Geschichte seit der Zeit Sheikh Adis.
Schließlich ist noch darauf einzugehen, dass Wießner die êzîdische Gemeinde an verschiedenen Stellen als „Volk“ bezeichnet. Damit wollte er die Verbundenheit zum kurdischen Volk nicht negieren. Man hatte ihm zwar den Vorwurf gemacht, er versuche, die Êzîden von den Kurden zu spalten; dies war jedoch völlig unsinnig. In einemInterview, das er dem Yezidischen Fo-rum Oldenburg im Jahre 1999 gab, hat er auf die historische Tatsache hingewiesen, dass die muslimischen Kurden selbst die Êzîden nicht als Kurden betrachteten und sie aus ihrer Gemeinschaft ausschlossen.
Obwohl es zahlreiche Beispiele gibt, in denen êzîdische Stämme gemeinsam mit anderen kurdischen Stämmen gegen arabische, türkische oder persische Besatzer gekämpft haben, gibt es ebenso viele Fälle, wenn nicht sogar noch mehr, in denen Êzîden auf grauenvolle Weise von ihren kurdischen Nachbarn verfolgt und umgebracht wurden. Man denke nur an die Strafexpeditionen Bedirxan Begs, der ja gemeinhin als schillerndster kurdischer Fürst gilt. Gerade diese Tatsache ist eine Belastung für eine êzîdisch-kurdische Annäherung. Die eher politisch motivierten Bekundungen von kurdischen Parteien und Organisationen, die Êzîden seien die ursprünglichen Kurden, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kluft zwischen Muslimen und Êzîden noch spürbar ist.
Unsere Redaktion hat sich für die Publikation des Aufsatzes entschieden, weil er nach wie vor in wesentlichen Zügen aktuell ist (wenn man von der wissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der êzîdischen religiösen heiligen Texte absieht). Es war uns auch ein Anliegen, das Engagement von Herrn Wießner und seiner Frau, die sie gegenüber den Kurden und den Êzîden gezeigt haben, zu würdigen, damit dies nicht in Vergessenheit gerät. Überdies ist Prof. Wießners Artikel ein willkommener Anlass für die hier lebenden Êzîden, einen Rückblick auf die vergangenen zwei Dekaden zu werfen, um über ihre Situation damals und heute zu reflektieren. Auch das ist schließlich Teil êzîdischer Geschichte und für die (Veränderung in der) Religionspraxis von großem Gewicht.
Serhat Ortac
Обновлено (19.01.2010 16:30)
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